Ein Hauch von Mittelalter

Uns ist in alten maeren     wunders vil geseit
von helden lobebaeren     von grôzer arebeit,
von fröuden, hôchgezîten,     von weinen und von klagen,
von küener recken strîten     muget ir nu wunder hoeren sagen.

(Nibelungenlied, Prologstrophe v. 1,1-4)

In Gedanken noch so manch einen Moment in Erinnerungen schwelgend, helfen mir die oberen Verse mein Empfinden zu verwörtlichen.  Es scheint etwas übertrieben und vielleicht unfassbar, aber die Zeit in Santiago de Compostela, im geographischen Mittelpunkt Galiziens, war in der Tat eine Märe mit vielen Wundern. Die Helden  waren wir, Studenten verschiedener Universitäten; Santiago,  Berlin, Amsterdam, Wien und Ljubljana. Zusammen vertieften wir uns unzählige Stunden in die Welt der mittelalterlichen Literatur im Rahmen des Projekts Der Europäische Kulturraum des Mittelalters und die deutsche Literatur.

Minnesang, Evangelienharmonie, mystische Erfahrungen und Transgression, göttliche Inspiration und Unabhängikeit der Dichter, die Brandanlegende, die schöne Magelone und noch viele andere reiche Texte bewältigten die Tage vom 8. bis zum 21. Februar 2009.

Die Stadt selber verhalf zusätzlich zu einem Hauch Mittelalter, welche wir jeden Tag aufs neue versuchten zu entdecken. In den ersten zwei Tagen zeigte sie sich von ihrer dunklen mystischen Seite, die durch den Regen, der regelrecht durch die Luft  wirbelte, erzeugt wurde.  Fast fremd und ungewoht wirkte die vorher graue Stadt als die ersten Sonnenstrahlen hervorkamen. Die riesige und mächtige Kathedrale zeigte ihre warme Seite, von Sonne bestrahlt kamen ihre Farben, die durch verschiedene Gewächse etwas Dschungelartiges bekamen, zum Vorschein.

Wie Eidechsen genaßen wir das Dösen in der Sonne, in versteckten“ Lustgärten“, den bezaubernden gepflasterten Gassen oder beim Erfassen des Geschmacks der Steine von Santiago und schlenderten sorglos durch den Stadtpark.

Beeindruckt von einer dreifachen Wendeltreppe, dem gewaltigen und weitreichendem Ausblick von den Dächern der Kathedrale, bezaubert und unfassbar vergänglich bei dem Kontakt mit dem Atlantischen Ocean, der in Finisterre berechtigt das “Ende der Welt” genannt wird, beende ich meinen Bericht mit einem angemessenen Vers des Liedes Nemt, frouwe, disen kranz von Walther von der Vogelweide:

Mich dûhte daz mir nie
lieber wurde, danne mir ze muote was.
Die bluomen vielen ie
von dem boume bî uns nider an daz gras.
Seht, dô muost ich von fröiden lachen,
do ich sô wünneclîche
was in troume rîche,
dô taget ez und muos ich wachen.

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